| XC-im Berliner "Outback“ Viel gibt es nicht her, dieses Jahr. Kein einziger Streckenflug aus "Altes Lager" bei Jüterbog wollte mir dieses Jahr bis Ende Juli gelingen. Entweder war das Wetter bescheiden oder der Mix aus Berufstätigkeit und Doktorarbeit zu zeitintensiv für "grosse Sprünge". Im Juli beschloß ich es zumindest mit dem Rest des Jahres ab und zu zu versuchen. Drei Wochen Regen waren die Folge solchen Vorhabens und ich hätte schon fast resigniert als der Wetterbericht dann ab 28. Juli mäßige Blauthermik aus einer Hochdruckbrücke mit Basishöhen um 1.100 m versprach. Das klang schwach, also noch den Samstag arbeiten und für Sonntag alles andere absagen! An der Ohre-Mündung
Um 11:30h gehen die ersten Ablösungen über unserem Vereinsgelände,
dem ehemaligen Militärflugplatz "Altes Lager" ab. Ich beschließe
mich zu beeilen und ergattere gleich das dritte Seil (Danke!,
Danke!). Kurze Zeit später hänge ich mit zwei "Glitschies"
(Gleitschirme) in der leichten Thermik über dem Fläming. 15er Ost-Süd-Ost
auf 1.000m und kein Wölkchen am Himmel. Ich bin eher kein Flachlandflieger
und fliege erst das insgesamt vierte Mal auf Strecke in diesem Gebiet.
Meine Ausrüstung besteht aus einem 8 Jahre alten Turmdrachen (Desire)
und lauter altem Kram - also "low performance".
Güsen und Parey, vor der Elbquerung Aber neben einigen EDR´s, die man umfliegen muss, bin ich beim Kurbeln über dem Berliner "Outback" besonders relaxed: Keine Berge, d.h. 1.000m sind 900 über Grund, die Landwirte Ostdeutschlands sind die fleißigsten Landefeld-Erbauer Deutschlands. Riesige Felder stehen überall zur Verfügung und verleiten aus so mancher Panne noch einen "Low Save" herauszuholen. Kein Gequatsche wegen etwaiger Beschädigung von Getreide sondern supernette Landezeugen (Leute). Überall Windkraftwerke die präzise und auch von weit oben den Bodenwind anzeigen und wenn man erst mal oben ist: Thermik sanft aber satt.
Blick nach Süden mit 'Elbsee', Rogätz, Kali-Halden bei Loitsche/Zielitz Heute fehlen die Wolken, also sind die Waldkanten dran. Mit 1.000 m verlasse ich den Platz in der Hoffnung einen der Schirmheimer auf dem Weg zu treffen, aber es wird nichts mit Gesellschaft. Ab geht’s rüber zur Autobahn bei Niemegk, wo ich an der Fahrbahn-Waldkante einen Adler (bin Hobbyornithologe also kein Scheiß) treffe und mit einem schönen Bart auf 1.200m ins Blaue schraube. Der Tag wird besser, denk ich mir und drücke im GPS auf Ziesar, damit ich die EDR 73 umschiffe. Runter geht’s jetzt nirgends mehr und nach einer Stunde und 20 Minuten bin ich über dem Autobahnparkplatz bei Ziesar (56 KM). Die vielen stehenden Brummis erzeugten dort schon letztes Jahr enorme Aufwinde und aus 450 Metern geht’s mit dem "Tagesbart" auf 1.300 und weiter. Ich brauche jetzt nicht mehr nach Norden vorzuhalten, dafür halte ich jetzt an der Autobahn nach Magdeburg entlang möglichst lange nach Westen vor um nicht allzu früh der Elbe und ihrem feucht-nassen Einzugsgebiet zum Opfer zu fallen. Vor Burg lässt die Thermik nach und ich zweifle eine Weile am Weiterflug. Vor mir nach Westen erstrecken sich hinter Burg kleinere Seen und in Flugrichtung nach Nordwesten muss Bewässerungslandwirtschaft, der Elbe-Havel Kanal und die Elbe selbst überflogen werden und auch die Niederungen auf der anderen Seite sind mir "zu grün" um auf Thermikanschluss zu hoffen. Über Güsen reisst ein letztes Mal Thermik ab und ich entschliesse mich nach ein paar Fotos aus 1.100m zum Überflug. Leider entdecke ich zu spät, dass die Waldkante die ich auf der anderen Seite mit nur noch 250m anfliege einen Truppenübungsplatz mit Landebahn abgrenzt. Verunsichert weil gebietsunkundig beschliesse ich, mich nicht dort hinein treiben zu lassen und muss gegen den Wind nach Thermik und dann nach einem Landeplatz suchen. Nach 88,5KM und bereits um 14:45 Uhr lande ich in Ütz und beschliesse, das eben überflogene Sportfest dort näher in Augenschein zu nehmen, bis sich ein Rückholer meiner erbarmt (Danke, Danke!). Der Truppenübungsplatz ist stillgelegt, better safe than sorry!
Magdeburg Zufrieden mit dem Tag aber lamentierend über das sicher älter werdende Hoch beschließe ich am Montag zu arbeiten, obwohl fast alle schon seit Samstag auf unserem Platz übernachten und mir Georg, der an diesem Wochenende zwei Gleitschirm Hunderter und einen Drachen Hunderter in Serie flog (wann schläfst Du eigentlich, Georg?) versichert, dass sich ein älter werdendes Hoch im Berliner "Outback" günstig auswirkt. Alpen-geschädigt ignoriere ich diesen Tipp bis Montag mittag - shit! Überall in Berlin Cumuli vom feinsten, 25KM/h Ost-Wind, Vorhersage: gute Wolkenthermik mit Basis auf 1.800m - Folter oder was? Büro-Jalousien ganz runter. Ich arbeite Montag gleich für den Dienstag mit. Noch in der Nacht mache ich alle Akkus voll, der Blick auf die Karte sagt: "Versuchs mal mit Magdeburg und Umgebung!". Aber der Bodenwind wirkt am Morgen sehr stark, obwohl der Segelflugwetterbericht nur maximal 25KM/h in 1.500m voraussagt. Also raus! Wieder 80KM Anfahrt. Auf dem Platz herrscht böig der Wind! Am Boden 25-30 mit Spitzen bis 40KM/h aus Ost. Starrflügler und Gleitschirmer starten nicht. Erst um 12:45h entschliessen wir uns zum Start. Ich nehme diesmal das erste Seil, weil ich nichts verpassen will (Danke Willi). Der Wind macht sich in hoher Ausklinkhöhe bemerkbar. Bei 500m klinke ich, gut 200m mehr als am Sonntag. Sofort habe ich bis zu 6m Steigen und Anschluß auf 1.500m. Die ersten Wolken bilden sich eben erst und die Perspektive ist grossartig. Doch nach relativ kurzer Gleitstrecke stellen sich 4m/s Sinken ein. Ich fliege eine der wenigen Wolken 90 Grad gegen den Wind an, aber es tut sich nichts. Erst über einem Schwimmbad keine 15KM hinter unserem Platz geht’s aus 350m wieder hoch. Bei 1.700m drehe ich raus und spanne voll durch. Vor dem "hohen Fläming", einer kaum wahrnehmbaren leichten Erhöhung im sonst topfebenen Gelände bilden sich Wolken und ich halte kurz nach Nord vor, um sie zu erreichen. 2.200 Meter gibt es jetzt über Grund. Und die ersten 50KM sind in weniger als einer Stunde geschafft. Vor Wiesenburg quere ich nochmals ca. 10KM nach Südwest und umfliege die EDR73 - sieht aus wie ein Schiessplatz. Hinter Loburg geht’s dann nur noch runter. Wald und Wiesen wechseln, aber nirgends finde ich Thermik. Schließlich sind es nur noch 260 Meter über Grund und ich werde von starkem böigen Wind in einem Nuller -5 hoch 5 runter mit dem Magen am Kiel über die Felder geschoben. Cool bleiben fällt schwer weil der Wind bei diesen Verhältnissen zumindest bei mir auch hohe Konzentration beim Landen erfordert. Schließlich geht’s Rodeo-mässig wieder ganz allmählich auf 400 dann auf 600 Meter und dann auf 2.500 direkt unter die Wolke. Der Wind bläst oben nun viel langsamer und dreht mich etwas auf Nordwest, so dass ich bald Magdeburg sehen kann. Mit dieser Höhe entschließe ich mich, Magdeburg südlich zu umfliegen. Ich werde die Elbe heute sicher überqueren können. Auch der Flugplatz ist im Delphinstil 300 Meter unter der Basis locker und ganz legal überfliegbar.
Der Speed nimmt nun wieder zu, aber schon
kurz nach Magdeburg schattet ein sehr hoch liegendes geschlossenes
Wolkenfeld genau in Flugrichtung die Sonne komplett ab. Ich habe keine
Chance, es zu umfliegen, also halte ich mich so lange wie es geht
in der Luft. Noch 30KM kann ich zum Teil in recht niederer Höhe die
Restwärme aus der Landschaft nutzen bis ich mich in der immer hügeliger
werdenden Landschaft entschliesse, ein zunächst gerade aussehendes Flurstück zur
Landung zu nehmen. In der Ferne sehe ich den Harz und direkt vor mir
einen kleinen Bergrücken als ich Höhe abbaue und zur Landung ansetze.
Erst spät sehe ich wie stark die Wiese in sich verdreht ist und entschließe
mich zu einer Bergauf Landung seitlich zum Wind, nachdem ich einen
Hof mit Hollywoodschaukel überflogen habe. Nach nur vier Stunden und
genau 1 Minute lande ich um 16:46 Uhr auf dem Elm, einem Gebirgszug
zwischen Helmstedt und Wolfenbüttel. Das GPS zeigt 144,6 KM zum Startplatz
an. Ich bin in Niedersachsen, bekomme ein Radler in die Hand gedrückt
und einen Lift ins Restaurant nach Schöningen in dem ich etwas
abgefucked in Fliegermontur einkehre. Zwei Stunden später kommen
Willi und Thomas der in Möckern runter
mußte mit dem Auto und holen mich ab, Gott sei Dank! Ich bin
glüklich, zufrieden und frage mich natürlich,
wo ich hingekommen wäre, wenn ich eine Stunde früher gestartet wäre
oder wenn diese Wolkenschicht nicht gewesen wäre. Träume-egal,
Celle und Wolfenbüttel, der Brocken im Harz aber auch Salzgitter sind
schon im GPS. Wenn nicht dieses Jahr dann im nächsten! Einmal mehr
zeigt sich, dass das grosse Potential vom Berliner "Outback"
auch von "Gelegenheitsstreckis"
mit Low-Budget-Ausrüstung erschlossen werden kann.
Markus Hanisch (DCB)
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