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24.3.2017

Mein weitester Flug

Von "Altes Lager" 307 Kilometer über plattes Land

Seit Tagen bin ich aufgeregt. Ich schlafe unruhig, und meine Gedanken kreisen nur ums Drachenfliegen, denn für den 4. Mai haben die Meteorologen einen jener selten guten Flugtage mit starkem Wind versprochen. Einen Hammertag, an dem man mal wieder richtig weit fliegen, vielleicht sogar den deutschen Streckenrekord brechen könnte - obwohl mir das verwegen erscheint, denn der liegt bei stolzen 381 Kilometern! Gerd Langwald, der Champion aus Niedersachsen, hat ihn 2004 aufgestellt, als er bei Westwind fast bis an die polnische Grenze segelte.

Gute bis sehr gute Wolkenthermik mit Basishöhen um 2000 Meter sind für Norddeutschland gemeldet. Nur Hannover sieht das etwas pessimistischer: Die Bärte seien zerrissen - eigentlich bei Windgeschwindigkeiten von 40 km/h nicht erstaunlich. Deshalb mischt sich in meine Vorfreude die Sorge, ob diese Thermik überhaupt für einen Drachenstreckenflug geeignet ist. Auf eine turbulente Achterbahnfahrt habe ich nämlich keine Lust.

Start mit Hindernissen

Gegen 12 Uhr stehe ich mit meinem Fliegerfreund Wolfgang 70 Kilometer südlich von Berlin in Altes Lager an der Startbahn und träume halbherzig von großen Taten. Die Gleitis sind bei dem Wind gar nicht erst rausgekommen. Lange Zeit bleibt der Himmel über uns blau, doch im Norden, entlang der Kiefernwälder des Fläming, hat sich längst eine Wolkenstraße gebildet. Herrje, wir sind mal wieder zu spät! Wolfgang möchte heute den Vortritt haben - bitte sehr, bei dem Wetter gerne. Dafür bekomme ich den Einstiegsbart gratis. Um 13 Uhr 59 mache ich drei Schritte hinter Peters UL und fliege, zunächst in verblüffend ruhiger Luft. Aber am Ende des Platzes lauern die Brecher: Ein starker Aufwind erfasst das Schlepp-Trike vor mir, reißt es hoch und zur Seite, das Seil hängt durch, und noch ehe ich korrigieren kann, stürzt der Flieger wieder aus dem Bart. Das Zugseil strafft sich mit einem Ruck - peng, ich schwebe mit gerissener Sollbruchstelle und meinem Seilrest in 400 Metern über der Kart-Bahn.

Zum Glück kann ich die Thermik lokalisieren und - oh Wunder - auch zentrieren, sodass der Drachen langsam aber beständig steigt. Dabei ist die Windversetzung in Richtung Westen unübersehbar. Am Ende des Platzes sind 1500 Meter Höhe erreicht- auf geht´s nach Norden über den Wald zur Anschlussstelle der "Wolkenautobahn"! Die Reise beginnt unglaublich zügig. Die Fluginstrumente bestätigen: Der Wind bläst mit 35 km/h aus Ostsüdost, manchmal sogar noch stärker. Ein Blick zurück überrascht mich allerdings, denn Wolfgang landet gerade wieder.

Im Handumdrehen überquere ich die Autobahn nach Leipzig, kurz danach die Grenze des Segelflugplatzes Lüsse. Bei der Wetterlage sollten eigentlich alle Streckenflieger am Himmel sein, doch ein Segler liegt in der Bahn, während der zweite gerade landet. Ein schlechtes Zeichen? - Mag sein, denn mein Drachen sinkt seit Minuten. Weit im Nordwesten stehen die thermikverdächtigen Wolken, die ich brauche, aber der Weg dorthin wird elend lang. Erst direkt unter einem Wolkenberg finde ich in 500 Metern den rettenden Aufwind - große Erleichterung! Nun geht es entspannter in Richtung Elbe. Mein Blick wird frei für die leuchtenden Farben der Natur. Es grünt überall zwischen den Kiefernwäldern der Mark Brandenburg. Rote Ziegeldächer ragen gelegentlich daraus hervor. Auch die verlassenen Manövergelände wirken freundlicher als sonst.

Wie im Zeitraffer

Schon kreuze ich bei Ziesar die Hannover-Autobahn und ziele auf den Militärflugplatz Mahlwinkel, dessen Überreste am anderen Elbufer langsam verfallen. Nördlich von Burg drehe ich hoch auf 2300 Meter für den Sprung über den Fluss - heute ein Kinderspiel! Allerdings gibt es jetzt häufiger große Wolkenlöcher, die mir den Kurs diktieren. Die Sicht ist etwas schlechter geworden, die Thermik dagegen nicht, lediglich die Höhe der Wolkenbasis hat abgenommen. Manchmal gerate ich ziemlich tief, dann scheint der Flug zu ende zu sein, aber jedes Mal taucht ein Bart auf, der mir wieder Basishöhe bringt. Gegen die nachlassende Konzentration schiebe ich einen halben Apfel zwischen die Zähne - das tut gut. Links in der Ferne dürfte Wolfsburg liegen, aber das ist mehr eine Ahnung als Gewissheit. Schon entdecke ich rechts im Wald die Rennstrecke des VW-Konzerns. Überflug verboten, denn dort werden Testprogramme gefahren, die kein Unbefugter - auch nicht aus der Luft - beobachten darf!

Hinter dem Elbe-Seitenkanal muss ich eine Entscheidung treffen, weil die Manövergebiete der Lüneburger Heide und der Militärflugplatz Fassberg genau auf Windkurs liegen. Zuerst will ich nördlich vorbei, aber der große Wald vor mir beeindruckt mich derart, dass ich lieber die südliche Route nehme. Dort liegen allerdings ausgedehnte Feuchtgebiete, weshalb ich mich nicht weit genug herantraue - mit dem Ergebnis, dass mein "Exxtacy" dem riesigen Übungs­platz von Bergen verdammt nahe kommt. Zum Glück haben die Soldaten um 18 Uhr Feierabend. Hier unterhielten die Nazis einst ein großes KZ. Heute erinnert ein Mahnmal an die Ermordeten.

Etwas zu früh gefreut

Ich strebe dem Autobahndreieck Walsrode zu. Unter den Wolken gleitet der Drachen wunderbar dahin, verliert minutenlang keine Höhe und ich spüre, dass der Wind genau nach Bremen bläst. Mühelos überhole ich jeden LKW auf der Autobahn unter mir - ein tolles Gefühl! Bei Verden muss ich auf Westkurs gehen - wegen des Bremer Airports. Die Flughöhe nimmt stetig ab, dabei schiebt der Wind den Drachen unerbittlich vorwärts: Jede Landemöglichkeit, die ich ins Visier nehme, ist wenige Minuten später schon wieder überflogen. Schnell noch die zweite Apfelhälfte - wegen der Konzentration, dann sehe ich ein riesiges, frei angeströmtes Feld - Bilderbuchlandung. Unglaublich: Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 64 km/h habe ich in knapp 5 Stunden 307 Flugkilometer zurückgelegt. Eine Stunde früher gestartet, und es wäre ein Rekordflug geworden!

Claus Gerhard