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29.4.2017

Berichte

Der Thermikofen Ostdeutschlands - Altes Lager

128 km mit dem Tandem-Gleitschirm aus der Winde

10. Mai 2008 - endlich eine Woche Urlaub ! Am Hochfelln in den Chiemgauer Alpen fliegen die Gleitschirmflieger riesige Dreiecksstrecken für den deutschen Streckenflugpokal und auch ich möchte noch ein bisschen mitmischen und außerdem etwas Familienurlaub machen.

Kurzfristig haben sich noch drei Studenten, Nora, Harald und Anke zum Tandemfliegen angemeldet.

Da das Fluggelände des Drachenfliegerclubs Berlin in Altes Lager bei Jüterbog südlich von Berlin auf unserer Fahrtroute liegt, planen wir einen Zwischenstopp ein, um die Passagiere in die Luft zu bringen und am frühen Nachmittag die Fahrt in die Berge fortzusetzen.

Rechtzeitig zu Pfingsten hat sich die für Altes Lager optimale Wetterlage zum Streckenfliegen eingestellt. Die Wettervorhersage für den heutigen Tag sieht ausgezeichnet aus. Ein Hoch über der Ostsee bringt uns 1023 hPa, 15-20 km/h Ostwind und 1 bis 2/8 Cumulus-Bewölkung mit Basishöhen zwischen 1.800 und 2.500 m Höhe. Der Segelflugwetterbericht verspricht sehr gute Thermik.

Eigentlich kein Tag, um sich auf der Autobahn in den Stau einzureihen.

Die local Cracks sind alle ausgeflogen, entweder zum World Cup, zu den offenen baden-württembergischen Meisterschaften oder sind vor dem zu erwartenden Gastflieger-Ansturm und der damit verbundenen Helmreihe (alle Piloten legen ihre Helme in Startreihenfolge in eine „Helmreihe“) in niederländische Schleppgelände oder nach Cottbus geflüchtet.
Dass der "Thermikofen Ostdeutschlands", Altes Lager, seit Ende April schon kräftig brodelt, hat sich herumgesprochen. Schließlich wurden seitdem mit Gleitschirm und Drachen schon einige Strecken über 100 km geflogen.

Trotzdem zeigt sich, dass noch genug Windenfahrer am Platz sind. Schließlich gehört es beim DCB inzwischen zum guten Ton, sich als Häufig-Flieger auch selbst zum Windenfahrer ausbilden zu lassen. So kommt man an guten Tagen auch unter der Woche mal in die Luft, wenn jeder Streckenpilot selbst Winde fährt.

Wie verabredet warten unsere Passagiere um 11.00 Uhr bereits am Platz auf uns.Jörg Maaß, der andere Gleitschirm-Tandempilot des DCB, der heute noch mit seinem Sohn auf Strecke gehen wird, nimmt mir einen Passagier ab.Um 12.00 Uhr starte ich mit der ersten Passagierin Nora. Die Thermik blubbert, aber zieht noch nicht durch, so dass wir bald wieder am Boden stehen.20 Minuten später ist Jörg mit seinem Passagier Harald an der Reihe. Es geht gut hoch. Sie kurbeln bis an die Basis, gefolgt von Nora’s neidischen und Anke’s hoffnungsvollen Blicken. Nach einer knappen Stunde landet Jörg mit einem glücklichen Passagier wieder ein.Gegen 13.30 Uhr bin ich schließlich mit der dritten Passagierin Anke dran. Die Family wartet auch schon auf die Weiterfahrt nach Süddeutschland.

Inzwischen kacheln die Ablösungen derart über den Platz, dass man sich regelrecht auf die Schirme schmeißen muss oder ein paar Helfer für den Start braucht. An der Wolkenbasis über uns wird auch schon kräftig rumgeturnt. Eine kurze ruhige Phase nutzen Anke und ich zum Start, weg von der für den Monat Mai schon kräftigen Bodenhitze, ab in kühlere Lüfte.Doch - nach knapp 100 Höhenmetern kein Seilzug mehr! Wir haben wegen des kräftigen Windes mit der großen Segelfläche von 40 m² meines Tandemgleitschirms BiBeta die Winde "fast in den Himmel gezogen", an der aus irgendeinem Grund gerade das Windenfahrzeug fehlt. Also, Windenfahrzeug her und in der Hitze noch mal startfertig gemacht. Ich hoffe für meine Passagierin, dass es diesmal klappt. Nach gut 20 Minuten kann’s um 13.55 Uhr erneut losgehen.

Unser alter Haudegen Rudolf Eifler - mit seinen 71 Jahren noch immer mit seinem Gleitschirm unter dem Brandenburger Himmel als Streckenflieger unterwegs, zieht uns als Windenfahrer direkt in die Thermik. Wir klinken 500 m über Grund direkt in einen 3m-Thermik-Bart, der uns an die Basis der nun direkt neben dem Platz stehenden Wolkenstraße hochbeamt. Meine Passagierin ist begeistert - es wird kein kurzer Abgleiter.Ein buntes Allerlei der motorlosen Luftfahrt kurbelt mit uns im Thermikschlauch. Gleitschirmpiloten, Segelflieger, die nur mal kurz ein paar Höhenmeter mitnehmen, Drachen, Starre und sogar einen Swift (Mischung aus Hängegleiter und Segelflugzeug) können wir ganz unten erkennen. 

Mit der Familie und Anke’s Freunden war vereinbart, dass wir - wenn es gut gehen sollte - ca. 30 km bis zur A 9 fliegen und dort unsere Urlaubsfahrt fortsetzen. Es geht gut! Und wie es geht. Die Thermik pumpt gewaltig, trotzdem winkt uns mein BiBeta nur einmal mit seinem Ohr zu (kleiner thermischbedingter Einklapper). Auf knapp 2.000 Höhenmetern machen wir nach Westen rüber, gefolgt von einem Gleitschirmgastflieger. Kurz vor Niemegk an der A 9 haben wir die geringste Höhe des gesamten Fluges von ca. 700 Metern über Grund. Doch der stets anzutreffende Thermikbart bei Hohenwerbig an der Waldkante bringt uns wieder an die Basis. Wolfgang Nissers Starrflügler Exxtacy können wir hier noch mal kurz von unten begutachten. Er macht heute die 200 km bis kurz vor Hildesheim voll. 

Unseren Gleitschirmbegleiter haben wir inzwischen zurückgelassen, so dass wir fortan allein unterwegs sind und nur hin und wieder auf die Segelfliegerkollegen treffen, die heute mal doppelt grüßen dürfen.Eigentlich heißt es jetzt wie vereinbart: Landen. Aber kann man das unter einer Wolkenstraße 2.000 Meter über dem Flachland verantworten ?Ich meine, Nein. Zunächst versuchen wir noch ein Stück parallel zur A 9 nach Südwesten zu fliegen, aber die bessere Wolkenstraße zeigt eindeutig mehr gen Westen. Über Lehnsdorf, wo ich auch schon mal gelandet bin, heißt es sich entscheiden. Im Fläming kennen die Streckenflieger des DCB die Städte und viele Dörfer inzwischen sowohl aus der Luft, wie am Boden. "Gleitschirmfliegen ist angewandte Heimatkunde", wie Rudolf zu sagen pflegt. In jedem Dorf gibt's 'ne Kirche, einen Dorfteich, die Freiwillige Feuerwehr und eine Kneipe, in der der gestrandete Flieger seinen Durst löschen kann.Ich bereite meine Passagierin darauf vor, dass heute mehr drin ist und ein Hammertag einen Mega-Flug verspricht. Von den bisherigen Eindrücken hellauf begeistert - schließlich ist es heute ihr erster Gleitschirmflug - hat sie nichts dagegen, den Flug fortzusetzen. Ich bin zufrieden.Ich überlege schon, wie ich meiner Frau Joke und unseren drei Sprösslingen erkläre, warum Papa, nicht wie abgesprochen, an der Autobahn gelandet ist.Wir fliegen über große Waldstücke, gelbe Rapsfelder, wie sie nur im April und Mai zu sehen sind. Inzwischen ist im Süden die Elbe aufgetaucht. Lutherstadt Wittenberg und Coswig können wir dort erkennen, im Norden Belzig und den Truppenübungsplatz Altengrabow, der wie ein Sechseck in den Wald gestanzt ist und dessen Flugbeschränkungsgebiet uns Tuchflieger oft schon gegroundet hat. Unserem Kurs heute steht dieses Gelände nicht im Weg.Wir haben komfortable Höhe und finden regelmäßig den nächsten Thermik-Bart bevor es kritisch werden könnte. Insgesamt befinden wir uns während des gesamten Fluges nur dreimal unter 1.000 Meter Höhe. Wolke steht an Wolke. Roßlau an der Elbe ist zu erkennen, das heißt, die ersten 50 km liegen bereits hinter uns. Weit vor uns liegt Zerbst in Sachsen-Anhalt. Dort steht ein großer Cumulant, danach sieht es blauer aus. Ich bin gespannt, ob wir es schaffen. Aber der satte Wind bringt uns sicher dorthin und wieder geht’s mit konstantem Steigen auf die höchste Basishöhe unseres Fluges mit knapp 2.200 Metern.Auch wenn's manchmal etwas ruppelt bei dieser Thermik; insgesamt ist es doch ein relativ entspannter Flug, denn mein BiBeta dämpft einiges weg und selbst die Kurbelei mit dem großen Gerät führt bei mir zu keinen Ermüdungserscheinungen, obwohl ich meinen Trinksack erst gar nicht eingepackt hatte -- schließlich wollte ich „nur kurz einen Tandemgutschein abfliegen“.Die Sicht ist phantastisch. Fast durchgängig bewegen wir uns zwischen 1.500 und 2.000 MSL und haben genug Zeit, Landschaft und Wolkenbild zu genießen und „Stadt, Land, Fluss für Gleitschirmflieger“ zu spielen.Eine Wolkenstraße hat sich genau um die Elbe gebildet und folgt ihrem Kurvenlauf.

Bei Zerbst heißt es nun wieder entscheiden. Entweder folgen wir der Wolkenstraße auf dem bisherigen Kurs und kreuzen die Elbe oder wir korrigieren nach West/Nordwest. Die Felder um die Elbe glitzern feucht und die Wolkenstraße Richtung Magdeburg parallel zur Elbe sieht verlässlicher aus, aber es gibt eine großes blaues Loch bis zum Anschluss. Wir versuchen es. Klappt es, können wir heute den inoffiziellen Gleitschirm-Tandemrekord im deutschen Flachland knacken. 

Wieder bringt uns der kräftige Ostwind bis zum Thermikanschluss. Am Horizont ist nun schemenhaft eine große Stadt zu erkennen. Das kann nur die Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts, Magdeburg, mit ihren 230.000 Einwohnern sein.Vorher müssen wir aber noch mal etwas bangen. Verhältnismäßig tief, zum dritten Mal an diesem Tag, kreisen wir auf 900 MSL entlang der Elbe über zwei wunderschönen blaugrünen Seen, die in einem Waldstück vor Gommern liegen. Es ist nach 16.00 Uhr und die Thermik schwächelt etwas. Wir müssen einige Zeit suchen, aber im "Flachlandstil" (Nullsteigen auskreisen und warten bis die Thermik wieder durchzieht) schaffen wir es schließlich wieder hoch. Jetzt liegt Magdeburg direkt vor uns. Wir befinden uns im Sinkflug auf gut 1.000 Metern über Grund. Sollen wir direkt über die Stadt fliegen oder südlich daran vorbei halten ? Unsere Höhe erscheint für einen Überflug zweifelhaft, wenn wir keinen Thermikanschluss finden sollten. Schließlich möchte ich nicht wie Matthias Rust auf dem "Roten Platz" von Magdeburg einlanden.Aber über der Stadt kreist ein Segelflieger in sattem Steigen. Wir halten darauf zu und über den Gleisanlagen in Magdeburg-Fermersleben geht's mit gut 2 m/s im letzten guten Thermikschlauch des Tages noch mal bis auf über 2.000 Meter. Magdeburg wird kleiner und kleiner. Unter uns liegt nun der Autobahnzubringer A 14, die A 2 mit ihren Spielzeugautos vor uns. Und tatsächlich, am südlichen Horizont eine Bergkette ! Der Harz ! Kaum zu glauben, was wir heute alles zu sehen bekommen.

Immer wieder versichere ich mich bei Anke, ob es ihr noch gut geht. Aber sie zeigt eine bemerkenswerte Kondition und keine Anzeichen von "Seekrankheit", außerdem neigt sich unsere Wolkenautobahn so langsam ihrem Ende entgegen. Wir halten nach einem günstigen Landeplatz nahe der A 2 zwischen Magdeburg und Helmstedt Ausschau.
Die sprießenden Felder wollen wir auslassen, um die Bauern nicht zu ärgern. Dort auf einer Anhöhe an einer kleinen Siedlung neben der A 2 suchen wir uns einen braunen Acker zum Landen aus. Unter uns hält ein Auto auf dem Feldweg. Ein Mann steht breitbeinig auf dem Acker. Sanft landen wir direkt neben ihm ein. Es ist der Bauer. Offenkundig zufrieden, dass wir nicht in seinem Getreidefeld nebendran gelandet sind, sondern die braune Erde bevorzugt haben. Die Mitfahrt zur nächsten Autobahnraststelle ist damit auch gesichert.
Wo sind wir, In Vorwerk/Eimersleben bei Erxleben.
Eine Gruppe Kinder kommt mit ihren Fahrrädern angefahren und fragt, ob „das Ding“ kaputt sei und wir hier abgestürzt sind. Wer sollte sonst anscheinend freiwillig in Vorwerk einlanden ? Unsere Gesichter sprechen eine andere Sprache. Wir können es kaum fassen. Mit dem Tandem-Gleitschirm über 120 km im Flachland unterwegs !

Und Anke - über die gute Landung ist sie sichtlich erleichtert und ihre frühere Höhenangst durch diesen Flug bestimmt kuriert. Es war ihr erster Gleitschirmflug, super durchgehalten, so was macht bestimmt nicht jeder mit.
Die Eindrücke müssen wohl noch eine Weile verarbeitet werden.
Bisher hab ich bei guten Streckenflugbedingungen immer nur den Soloschirm ausgepackt, um auf Streckenjagd zu gehen. Vielleicht sollte ich das doch öfters mal ändern.
Gut zwei Stunden später treffen wir unsere Abholer an der Raststätte. Ich muss nichts erklären. Die Freude wird geteilt - meine Frau weiß, dass ich es tun musste. Dafür bin ich auch gerne bereit, die nächsten 6 Stunden die Wolkenstraße mit der Autobahn zu tauschen und unseren Tiefflieger nach Süddeutschland zu kutschieren, wo wir morgens um halb Drei ankommen.

Brandenburg und Sachsen-Anhalt in knapp vier Stunden aus der Luft; alles ohne Motor, nur mit Wind und Thermik. Gleitschirmfliegen ist die einfachste und freieste Art zu fliegen !
See you in   A l t e s   L a g e r   !